11.07.2018

Das Papstschreiben zur Heiligkeit

Heilige von nebenan

Gott will, dass wir „heilig und untadelig leben vor Gott“. Mit diesem Zitat aus der Lesung beginnt Papst Franziskus sein Schreiben über die Heiligkeit. „Heilig und untadelig“ klingt nach unerreichbar. Doch das täuscht, sagt der Papst.

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Ein Schwätzchen mit dem Nachbarn. Vielleicht auch ein Plausch mit einem Heiligen? Foto: istockphoto


Der Heiligenkalender ist voll von herausragenden Menschen. Biblische Heilige wie Maria und Petrus, Ordensleute wie Franziskus oder Teresa von Avila, Vorbilder wie Elisabeth oder Martin, Märtyrer wie Maximilian Kolbe oder Ursula und ihre Gefährtinnen.

Aber die alle meint Franziskus in seinem Schreiben über die „Heiligkeit in der Welt von heute“ nicht. Er meint Sie. Und mich. Und Ihre und meine Nachbarn und Familienmitglieder. Er meint die „Wolke von Glaubenszeugen“, die uns umgibt, „unter ihnen sind vielleicht unsere eigene Mutter, eine Großmutter oder andere Menschen, die uns nahestehen“. Er nennt sie „die Heiligkeit von nebenan“, die „Mittelschicht der Heiligkeit“.


Heilige schwimmen gegen den Strom

Zu dieser Mittelschicht zu gehören – dazu ist jeder Christ berufen, sagt Franziskus. Ein Modell gibt es dafür nicht, im Gegenteil: „Es gibt Zeugnisse, die als Anregung oder Motivation hilfreich sind, aber nicht als zu kopierendes Modell. Das könnte uns nämlich sogar von unserem einzigartigen und besonderen Weg abbringen, den der Herr für uns vorgesehen hat.“ Daher möge sich niemand verausgaben, „indem er versucht, etwas nachzuahmen, das gar nicht für ihn gedacht war“.

Heilig zu sein, das ist für Franziskus sowieso zunächst ein Geschenk, eine Gabe. „Noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt“, zitiert er den Propheten Jeremia (1,5). Doch natürlich folgt aus der Gabe eine Aufgabe, für jeden eine eigene. „Bist du verheiratet? Sei heilig, indem du deinen Mann oder deine Frau liebst und umsorgst ... Bist du ein Arbeiter? Sei heilig, indem du deine Arbeit im Dienst an den Brüdern und Schwestern mit Redlichkeit und Sachverstand verrichtest. Bist du Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter? Sei heilig, indem du den Kindern geduldig beibringst, Jesus zu folgen. Hast du eine Verantwortungsposition inne? Sei heilig, indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest.“

Soweit klingt das alles recht verständlich und irgendwie auch machbar. Man bemüht sich ja – so als Christ. Aber wenn man dem Schreiben mit seinen rund hundert Seiten weiter folgt, dann wird es doch anspruchsvoller. Es sind ausgerechnet die Seligpreisungen, anhand derer Franziskus die Berufung zur Heiligkeit durchbuchstabiert. Und da heißt es dann schon, „gegen den Strom zu schwimmen“, wie Franziskus sagt. Zum Beispiel sanftmütig zu sein und die Fehler anderer geduldig zu ertragen. Oder ohne Blick auf den eigenen Vorteil Ungerechtigkeit anzuprangern. „Einige geben es auf, für die wahre Gerechtigkeit zu kämpfen, und entscheiden sich dafür, sich auf die Siegerseite zu schlagen.“ Die Argumente kennt man: Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes, und was soll ich kleines Licht schon erreichen? „Das hat nichts mit dem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit zu tun, den Jesus lobpreist“, sagt der Papst.


Verschlossene Räume riechen nach Moder

Wer jetzt an Waffenhandel im großen Stil oder an Korruption in Bananenrepubliken denkt, der liegt falsch. Der Papst meint wirklich jeden von uns. Beispiel Internet: „Auch Christen können über das Internet Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben ... und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren.“

Sie sind nicht im Internet, wie diese ganzen Idioten? Wie wäre es dann mit diesem Tipp: „Es tut uns nicht gut, von oben herabzuschauen, die Rolle gnadenloser Richter einzunehmen, die anderen für unwürdig zu halten und ständig Belehrungen geben zu wollen. Dies ist eine subtile Form der Gewalt.“ Oder gehören Sie vielleicht zu denen, die finden, dass früher alles besser war, und ziemlich häufig ziemlich schlecht gelaunt in die Welt und in die Kirche schauen? „Missmut ist kein Zeichen von Heiligkeit. Es ist so viel, was wir vom Herrn erhalten, um es zu genießen, dass die Traurigkeit mitunter mit Undankbarkeit zu tun hat.“

Heiligkeit, das heißt für den Papst auch, Neues zu wagen. „Wir brauchen den Anstoß des Heiligen Geistes, um nicht durch Furcht und Berechnung gelähmt zu werden, um uns nicht daran zu gewöhnen, nur innerhalb sicherer Grenzen unterwegs zu sein.“ Sichere Grenzen, das sind für ihn „das Einschließen in kleine Welten, Dogmatismus, Nostalgie, Zuflucht zu den Normen“. Aber: „Denken wir daran, dass verschlossene Räume am Ende nach Moder riechen und uns krankmachen.“

Falls Ihnen das jetzt alles zu modern und weltlich ist – etwas ist für Franziskus auch ganz klar: „Der Heilige ist ein Mensch mit einem betenden Geist, der die Kommunikation mit Gott braucht ... Ich glaube nicht an eine Heiligkeit ohne Gebet.“ Und: „Ich möchte darauf bestehen, dass dies nicht nur für einige wenige Privilegierte gilt, sondern für alle, weil wir alle dieses von angebeteter Gegenwart erfüllte Schweigen nötig haben.“

Dafür haben Sie keine Zeit oder keine Geduld? „Es muss sich nicht notwendigerweise um ausgedehnte Zeiten oder intensive Gefühle handeln“, beruhigt Franziskus. Mittelschicht eben. Heiligkeit von nebenan. Oder sogar: Heiligkeit im eigenen Zuhause.

Von Susanne Haverkamp