25.09.2018

Papst Franziskus im Baltikum

"Lassen wir die Liebe leben!"

Die Menschen sollen wachsam gegenüber totalitären Tendenzen sein, sagte Papst Franziskus bei seiner Reise ins Baltikum.

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Papst Franziskus spricht in der lutherischen Karlskirche in Tallinn zu Jugendlichen. Foto: kna


Schallender Applaus und Jubelrufe begrüßen Papst Franziskus in der lutherischen Karlskirche in Estlands Hauptstadt Tallinn - ausgerechnet hier, im glaubensfernsten der drei baltischen Staaten, den das Kirchenoberhaupt zum Abschluss seiner Baltikum-Reise am Dienstag besucht. An kaum einem anderen Ort seiner Reise wurde Franziskus so lautstark empfangen wie hier, obwohl weniger als 30 Prozent der Bevölkerung überhaupt einer Religionsgemeinschaft angehören.

Auch der 15-jährige Marten bezeichnet sich als Atheist. "Der Papstbesuch bedeutet mir persönlich nicht so viel. Aber warum nicht? Das könnte eine gute Erfahrung sein", habe er sich gedacht, als er über die Schule zur ökumenischen Jugendbegegnung mit dem Papst eingeladen wurde. Er hat sich fein gemacht; die langen Haare zusammengebunden, Jackett zur Jeans, sitzt er nun zwischen etwa 1.200 anderen jungen Leuten auf der Kirchenbank.

Franziskus kann mit jungen Leuten - egal ob gläubig oder nicht. Er zitiert zunächst zwar das Johannes-Evangelium ("Alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt"), aber auch aus einem Lied der estnischen Popsängerin Kerli Koiv. Die "patriotische Lady Gaga" des Landes beklagt in einem Song den Tod der Liebe. "Nein, bitte!", widerspricht der Papst. "Sorgen wir dafür, dass die Liebe lebt! Wir alle müssen uns dafür einsetzen."

Dieser Aufruf für Solidarität, Nächstenliebe, Einheit und Brüderlichkeit war der Rote Faden der gesamten Reise. Schon seine erste Ansprache im litauischen Präsidentenpalast war ein eindringlicher Appell für Einheit, nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa, sondern über Kontinente wie Religionen hinaus.

 

"Nah bei den Menschen und nah bei Gott"

Franziskus thematisierte auch die frühere Besatzung des Landes, besonders bildstark und symbolträchtig im stillen Gebet am Mahnmal für die Opfer des jüdischen Ghettos am Sonntag sowie beim Besuch des KGB-Museums in Vilnius. Beim nahegelegenen Denkmal für die Opfer der Besatzung bat er um "Versöhnen und Vereinen von Unterschieden" - eine Variation des Mottos "Einheit in Verschiedenheit".

Sowohl vor Diplomaten in Riga als auch in Tallinn mahnte der Papst, die erlangte Freiheit und Unabhängigkeit sei nicht nur Gnade, sondern auch Pflicht. Anlass seiner Reise war das 100-jährige Jubiläum der Unabhängigkeit Litauens, Lettlands und Estlands.

Estlands Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid würdigte die Unterstützung des Vatikan in der Sowjetzeit. Der Heiligen Stuhl sei damals "eine Quelle spiritueller Kraft für die europäischen Länder in der Gefangenschaft des Kommunismus" gewesen.

Im Gegensatz zu Johannes Paul II., der 1993 als erster Papst überhaupt das Baltikum besuchte und dem Land Mut zum Aufbau der Demokratie machte, mahnte Franziskus 25 Jahre später, sich nicht auf Lorbeeren auszuruhen und wachsam gegenüber totalitären Tendenzen zu sein, sich für Freiheit, Versöhnung und die Rechte aller einzusetzen.

Auch die Kirche nahm der Papst in die Pflicht: Bei einem Treffen mit Priestern und Ordensleuten in Riga würdigte er die Märtyrer des Widerstandskampfs, mahnte aber auch, nicht den Glaubenseifer zu verlieren. "Nah bei den Menschen und nah bei Gott", gab der Papst als Losung aus und verurteilte Klerikalismus.

Beim Schlussgottesdienst in Tallinn warnte Franziskus vor Spaltungen und Machtkämpfen unter den Völkern. Hier wurde er erstmals konkreter, indem er "Drohungen mit Waffengewalt, Truppenaufgeboten, Strategien" erwähnte. Einige sahen darin eine Anspielung auf Russland. Im Unterschied zu Johannes Paul II. ging Franziskus während der Reise nicht konkret auf die nach wie vor schwierigen Beziehungen zu Russland ein, weder in religiöser noch in politischer Hinsicht.

Dafür sprach er am letzten Tag bei der Jugendbegegnung ein heikles Thema an, das er zuvor nicht thematisiert hatte: Missbrauch durch Geistliche. Er sagte, Jugendliche seien "empört über die Skandale sexueller und finanzieller Art, denen gegenüber sie keine klare Verurteilung sehen". Die Kirche wolle die Anliegen junger Leute ernst nehmen und ihnen entsprechen. Konkreter wurde Franziskus allerdings nicht. Vielleicht gab es auch deshalb an dieser Stelle keinen Applaus.

kna