12.03.2018

Interview mit Erzbischof Stefan Heße über Schulschließungen in Hamburg

"Für Zuversicht ist es jetzt zu früh"

Ende Januar hat das Erzbistum Hamburg angekündigt, aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage bis zu acht seiner 21 katholischen Schulen in der Hansestadt zu schließen. Die Entscheidung sorgt bis heute für große Proteste; mehrere Initiativen setzen sich für den Erhalt der Schulen ein. Erzbischof Stefan Heße erklärt, wie er mit dem privaten Engagement umgehen will.

Foto: kna
Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße
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Herr Erzbischof, hätten Sie mit einem solchen Proteststurm gerechnet, als das Erzbistum im Januar die Schließung von bis zu acht katholischen Schulen in Hamburg bekanntgab?
Es geht um junge Menschen, um Schulen, das sind sensible Themen. Ich kann gut verstehen, dass das große Emotionen auslöst. Der Protest zeigt darüber hinaus, wie wichtig vielen Menschen katholische Schulen sind.


Was würden Sie im Rückblick anders machen?
Wir werden künftig die Betroffenen im Vorfeld von Entscheidungen stärker mit einbeziehen. Das muss sich jetzt schon im Immobilienbereich bewähren, wo wir mit den Gemeinden gemeinsam an die Bestandsaufnahme und danach in einen Entscheidungsprozess gehen.


Wie bewerten Sie die verschiedenen Initiativen, die sich gebildet haben?
Ich bin dankbar, dass es diese Initiativen gibt. Wie gesagt, es sind große Zeichen von Wertschätzung für unsere Schulen. Wichtig ist jetzt, Gespräche zu führen, Ideen auszuarbeiten und gemeinsam zu sehen, was realistisch erreicht werden kann.


Von verschiedenen Seiten wurden in den letzten Wochen Zweifel an den Zahlen aus dem Bericht der Unternehmensberatung Ernst & Young erhoben, der dem Erzbistum eine Überschuldung von 79 Millionen Euro bescheinigt und auf dessen Grundlage die Entscheidung zur Schließung der Schulen gefällt wurde. Wie glaubwürdig ist der Bericht aus Ihrer Sicht?
Bereits häufiger habe ich von der radikalen Ehrlichkeit unseres wirtschaftlichen Orientierungsrahmens gesprochen. Die Prüfer haben uns klipp und klar aufgezeigt, wie die Lage ist. Damit haben wir eine nüchterne Basis, die weder schön- noch schlechtgerechnet ist.


Warum wird der Bericht nicht in Gänze veröffentlicht?
Bereits im Dezember haben wir die Ergebnisse der Arbeit von Ernst & Young veröffentlicht. Sie stehen seitdem auch auf unserer Internetseite. Darüber hinaus erhalten die betroffenen Schulen in Hamburg alle relevanten Daten für ihre Schule. Ich finde, das ist ein angemessenes Vorgehen.


Kritiker werfen dem Erzbistum vor, die Wirtschaftlichkeit über die seelsorgliche Verantwortung zu stellen. Was entgegnen Sie ihnen?
Wir können die Augen vor unserer wirtschaftlichen Situation nicht verschließen. Das wäre verantwortungslos und würde unsere Seelsorge insgesamt gefährden. Das heißt, wir nehmen sehr wohl seelsorgliche Verantwortung wahr. Wichtig ist aber auch: Wir können in Zukunft nicht mehr alles leisten, was wir in der Vergangenheit gemacht und unterhalten haben. Aber sehen Sie bitte auch, dass wir uns weiter in großem Umfang im Schulbereich engagieren. 13 Schulen werden wir allein in Hamburg weiterführen. Drei weitere, wenn wir genügend Hilfe von anderer Seite erhalten.


Warum haben Sie bei der Bischofskonferenz nicht nach Finanzhilfen der anderen Diözesen gefragt?
Es gibt aktuell kein solches Hilfesystem in unserer deutschen Kirche. Ich bin außerdem überzeugt davon, dass wir eine nachhaltige Konsolidierung unserer wirtschaftlichen Lage aus eigener Kraft schaffen können und auch müssen. An strukturellen Korrekturen kommen wir im Erzbistum Hamburg nicht vorbei. Und die müssen wir selber leisten.


Waren die Hamburger Schulen und die wirtschaftliche Lage des Erzbistums trotzdem ein Thema bei der Vollversammlung?
Ja, natürlich. Bereits im Ständigen Rat im Januar hatte ich dazu berichtet. Bei der Vollversammlung haben wir nicht nur über die Schulen gesprochen. Die wirtschaftliche Gesamtsituation des Erzbistums war ein Thema. Die Schulen sind ja nur ein Bereich.


Sie sind im Gespräch mit einer privaten Genossenschaftsinitiative, die alle 21 Schulen erhalten möchte. Wie zuversichtlich sind Sie, dass zumindest für einzelne Standorte eine Schließung abgewendet werden kann?
Wir haben immer gesagt: Wir bleiben Träger von 13 katholischen Schulen in Hamburg. Bis zu drei Schulen könnten dazu kommen, wenn wir genügend Hilfe von außen bekommen. Für Zuversicht ist es jetzt zu früh. Wir müssen gemeinsam prüfen, was realistisch geleistet werden kann.


In Mecklenburg und Schleswig-Holstein bangen die katholischen Schulen der Bernostiftung um ihre Existenz. Wie wird es dort weitergehen?
Wir wollen die katholischen Schulen in Rostock und Schwerin zu erzbischöflichen Schulen machen. Wir sind dazu weiter im Gespräch mit der Bernostiftung und suchen nach guten Wegen. Für die Schulen in Ludwigslust und Lübeck hatten wir bereits Anfang Juli 2017 entschieden, dass wir die dort geplanten Neubauten nicht finanzieren, weil uns die Mittel fehlen. In Ludwigslust wird vor allem aufgrund des starken Engagements der Elterninitiative intensiv an einem Trägerwechsel gearbeitet. Das unterstützen wir. Auch in Lübeck sind neue Möglichkeiten im Gespräch. Wie tragfähig sie sind, muss nun gemeinsam erörtert werden.

kna