30.01.2019

Einen Haussegen bekommen

Gott in den Alltag holen

Glauben dort erfahrbar machen, wo die Menschen leben: in ihrer Wohnung. Das ist Sinn einer Haussegnung. Der Brauch wird mittlerweile nur noch selten gepflegt. Dabei bietet er die Chance, mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

Foto: Andreas Kaiser
Ute Ludwig lässt ihre Wohnung von Pfarrer Oliver Cornelius segnen. Foto: Andreas Kaiser


Die Frage fällt Pfarrer Oliver Cornelius reichlich spät ein. Längst steht die Altbauwohnung von Ute Ludwig im dichten Weihrauchdunst. „Haben Sie einen Rauchmelder?“ Die Antwort der Mieterin kommt prompt: „Ja.“ Kurz schauen sich alle Beteiligten etwas verunsichert an. Doch Gott sei Dank bleibt alles ruhig, kein Alarm geht los, während der Pfarrer mit dem Weihrauchfass auch rasch durch Hausflur und Badezimmer zieht.

Mitten in Berlins gewöhnlich recht glaubensfernem Szenebezirk Kreuzberg hält Pfarrer Cornelius eine gute, alte katholische Tradition am Leben, die anderswo in Deutschland fast ausgestorben ist: die Haus- und Wohnungssegnung durch einen Priester. Bis zu 30 Anfragen hat er im Jahr. Zu jedem seiner Hausbesuche ist Pfarrer Cornelius mit dem Fahrrad unterwegs – auch bei minus fünf Grad noch, die an diesem Montagabend den sonst so lauten und überdrehten Kiez fast erstarren lassen. 

In Süd- und Osteuropa ist die Tradition lebendig

Cornelius sagt, dass auch andere Pfarreien im Erzbistum Berlin noch Haussegnungen anbieten. Nur machen die kaum Aufhebens darum. In seiner Gemeinde Sankt Bonifatius dagegen werden die Segnungen auch im Internet auf der Homepage angepriesen. „Kirche muss heute medial anders kommunizieren“, sagt Cornelius. 

Dass die Tradition der Haussegnung – von den Sternsingern einmal abgesehen – anderswo in Deutschland immer seltener praktiziert wird, kann Cornelius nicht verstehen. Bei dem Brauch gehe es darum, „Gott auch in den Alltag zu holen“, den Glauben im Leben erfahrbar zu machen, auch außerhalb vom Gottesdienst. Eben dort, wo die Menschen wohnen, schlafen und kochen und ihre Kinder großziehen.

Cornelius ist Berliner durch und durch. Geboren wurde er vor 45 Jahren in Reinickendorf. Zum Priester geweiht in der Hedwigskathedrale. Auch seine erste Kaplansstelle hatte er in Spandau. Seine erste Station als Pfarrer war der Berliner Vorort Kaulsdorf. 
 

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Wie man es von den Sternsingern kennt: „C+M+B“ 
Foto: kna

Die Segnungen mit Weihwasser und Weihrauch „kommen aus einer Zeit, in der die Menschen noch stärker mit dem Glauben verwoben waren“, berichtet Cornelius. Das Ritual stellt die Wohnräume unter den Schutz von Jesus Christus. Am Ende der Prozedur, die für jedes Zimmer und dessen Bewohner kurze, vorformulierte Gebete bereithält, wird die von den Sternsingern bekannte Segensbitte „C+M+B“ – also „Christus mansionem benedicat“ (Christus segne dieses Haus) – mit Kreide an die Haustür geschrieben. 

Vor allem in süd- und osteuropäischen Ländern ist die Tradition noch überaus lebendig. In der Zeit von Weihnachten bis zum Fest der Heiligen Drei Könige sind dort viele Patres von morgens bis abends unterwegs und kommen dabei oft mit den Gläubigen auch in sehr persönliche Gespräche. 

In Kroatien etwa, erzählt Cornelius, ziehen die Pfarrer zu Beginn des neuen Jahres durch die ganze Stadt, klingeln überall, auch ungefragt und segnen jedes Haus, jede Wohnung. Auch dass dabei schon mal Viehställe, Büros oder Traktoren gesegnet werden, kann Cornelius gut nachvollziehen: „Das ist doch die Existenzgrundlage der Menschen.“ 

Das Ritual hilft dabei, Distanz zu überwinden

Für Ute Ludwig ist die heutige Segnung nicht die erste. Die Künstlerin, die vor gut 30 Jahren zum Katholizismus konvertierte und vor gut 22 Jahren ihre geräumige Altbauwohnung bezog, in der sie bis heute lebt, hat vor allem in der Anfangszeit des neuen Glaubens ihre Wohnung häufiger mal segnen lassen. Doch irgendwann geriet auch ihr die Tradition aus dem Sinn. Heute verbindet sie den Besuch vom Pfarrer mit einem Gespräch. Als Cornelius ihr Haus betritt, hält sie frisch gebrühten Kaffee bereit. 

Für die Kunstmalerin und Fotografin ist die Segnung eine Gelegenheit, Gott wieder bewusster in den Alltag zu holen. Rituale helfen, die Distanz zu überwinden, die sich manchmal im Glaubensleben auftut, ist sich auch Cornelius sicher. Das Ganze sei ein bisschen wie eine „Neubelebung, eine gute Art, Verstaubtes wieder abzustauben“. Um Routinen aufzubrechen, empfiehlt Cornelius seinen Gemeindemitgliedern auch gerne, ein Kreuz, das viele in der Wohnung hängen haben, immer mal wieder woanders aufzuhängen. „Damit man es neu sieht, neu erfährt“, sagt er.

Andreas Kaiser