24.10.2018

Jesus im Hebräerbrief

Der Hohepriester

In den Lesungen der kommenden Sonntage vergleicht der Hebräerbrief Jesus immer wieder mit einem Hohepriester. Aber was genau ist ein Hohepriester? Warum ist Jesus einer – und doch kein normaler? Ein Erklärungsversuch. 

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Christus, der Hohepriester (serbische Ikone, um 1730)  
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2000 Jahre ist das Ereignis her, das Christen heute noch bewegt: Tod und Auferstehung Jesu. Was Jesus für uns bedeutet, das halten die Glaubensbekenntnisse fest: Sohn Gottes, Herr, Erlöser, Retter. Aber diese Titel sind vielfältig, sie sind unterschiedlich je nach Zeit und Kultur. Die Bedeutung Jesu muss immer wieder übersetzt und zutreffend verglichen werden, damit begreifbar bleibt, wie Jesus erlöst.

Der Hebräerbrief, der uns durch die nächsten Sonntagsgottesdienste begleitet, versucht dies für eine judenchristliche Gemeinde des späten 1. Jahrhunderts nach Christus. Dabei vergleicht er Jesus mit dem Hohepriester. Das Amt des Hohepriesters war diesen Gemeindemitgliedern bekannt: Er hatte am israelitischen Tempel in Jerusalem das höchste Amt inne und spielte im Kult die entscheidende Rolle.

Grundsätzlich geht das Amt des Hohepriesters auf Aaron, den Bruder des Mose zurück, der an mehreren Stellen in den fünf Büchern Mose durch Worte und Zeichen Gottes zum Priester (Exodus 28,1f) und Hohepriester (Numeri 17,16–28) mit nahezu königlicher Würde (Levitikus 8,12) erwählt wird. Das Amt ließ sich somit direkt auf die Erwählung durch Gott zurückführen und wurde nun innerhalb der Sippe an die direkten männlichen Nachkommen vererbt.


Er war der Priester des höchsten Gottes

Herausgehoben war der Hohepriester nicht nur dadurch, dass er die Leitung am Tempel innehatte, sondern auch durch das Ritual am höchsten Feiertag, dem Versöhnungstag (Jom Kippur), bei dem er alleine das Heiligtum mit der Bundeslade im Tempel betreten konnte, um dort in der unmittelbaren Gegenwart Gottes zu sein. Es war sein Auftrag, ein Tieropfer darzubringen, um die Unreinheiten und Sünden des Volkes Israel zu beseitigen (Levitikus 16). Durch dieses Opfer wurde Israel mit Gott wieder versöhnt.

Im Hebräerbrief wird nun Jesus als dieser Hohepriester gesehen. Zwei Vergleichspunkte werden dabei betont: erstens, dass Jesus als Hohepriester ein Mensch wie alle anderen ist; zweitens, dass er von Gott in dieses Amt berufen wurde. Damit rückt der Verfasser des Hebräerbriefs ins Blickfeld, dass Jesus sich damit auskennt, schwach wie ein Mensch zu sein, auch wie jeder Mensch zur Sünde versucht zu sein. Gleichzeitig ist er von Gott zu einem besonderen Amt berufen worden, wobei hier vor allem an das Ritual des Versöhnungstages gedacht ist.

Und genau an dieser Stelle verlässt der Hebräerbrief den Vergleich von Jesus und Aaron und geht mit der Hilfe von zwei Schriftzitaten über diesen ersten Vergleich hinaus. Beide Zitate stammen aus Psalmen, die sich auf den Messias beziehen, also auf den, der von Gott erwählt wurde, um sein Volk Israel zu retten. Bei dem ersten wird Christus – was ja die griechische Übersetzung von Messias ist – Sohn Gottes genannt (Psalm 2,7), beim zweiten „Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“ (Psalm 110,4).

Den letzten Titel muss man ein wenig erklären. Dieser recht geheimnisvolle Melchisedek kommt im Alten Testament nur  in diesem Psalm und ganz am Anfang der Bibel in den Geschichten um Abraham vor. Dort wird von ihm Folgendes berichtet: „Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war Priester des höchsten Gottes.“ (Genesis 14,18) Anschließend segnet Melchisedek den Abraham und der gibt ihm umgekehrt „den Zehnten von allem“.

Ist der biblische Auftritt auch noch so klein, er entfaltet doch eine ungeheure Wirkungsgeschichte. Gerade erst ist Abraham der Berufung durch den einen Gott gefolgt, schon taucht ein Priester dieses höchsten Gottes auf – und verschwindet danach wieder aus der biblischen Geschichte. Dies führte unter anderem dazu, dass Melchisedek als eine Art Gesandter, als Ur-Priester des einen Gottes, gesehen wurde, der direkt aus dem Himmel, der göttlichen Welt zu kommen schien. Dies sollte auch sein nur kurzes biblisches Auftreten erklären.


Eine unbedingt notwendige Predigt

Der Hebräerbrief nutzt nun dieses Verständnis der Person Melchisedek aus und sieht ihn als ergänzende – oder eher noch bessere – Möglichkeit zum Vergleich mit Jesus Christus, denn die Bedeutung Jesu geht für ihn über das Amt und die Funktion eines Hohepriesters, wie Aaron es war, deutlich hinaus. Natürlich ist Jesus Mensch wie Aaron, aber er entstammt eben auch der göttlichen Welt wie Melchisedek. Und sein Opfer ist eben kein jährliches wie das am Versöhnungstag für das Volk Israel. Jesus ist eher so etwas wie der höchste Priester aller Zeiten und eröffnet allen, die ihm glaubend nachfolgen, den direkten Zugang ins Heiligtum Gottes. Er selbst ist sogar Priester und Opfer in einem und ermöglicht damit allen Menschen Sündenvergebung und direkte Gottesgegenwart. In den Lesungen der kommenden Wochen wird der Hebräerbrief dieses Verständnis Jesu vom Vergleich mit dem israelitischen Hohepriester weiterentwickeln.

Heute erscheinen diese Vergleiche in den Lesungen nur schwer zugänglich. Man kann sich aber gut vorstellen, wie der Verfasser des Hebräerbriefs eine judenchristliche Gemeinde im Blick hat, für die er eine Brücke zum Verständnis bauen will, die an den Jerusalemer Tempelkult anknüpft. Er kann so erklären, warum Jesus als Mensch und als Gott gesehen wird, warum nach Jesus kein Opfer im Tempel mehr gebraucht wird und dass jeder nun selbst durch Jesu Tod die Vergebung der eigenen Sünden erfahren kann.

Der Hebräerbrief ist somit eine Art Predigt über die Bedeutung, die Jesus für die haben kann, die an ihn glauben – eine Predigt, die damals wie heute unbedingt notwendig ist, um die Erlösung, die durch Jesus erfahren werden kann, nahezubringen. Auch wenn wir heute andere Worte und Vergleiche heranziehen.

Christoph Buysch