18.04.2018

Was macht einen guten Hirten aus?

Nähren, wachen, heilen

Bischöfe werden zu Hirten bestellt, denen das Gottesvolk zu weiden anvertraut ist, heißt es im Kirchenrecht. Ist dieses Bild nicht völlig veraltet? Wie lässt es sich heute verstehen? Und sieht sich ein Bischof tatsächlich als Hirte?

Foto: pa/akg-images
Jesus, der gute Hirte – ein beliebtes Motiv, freilich oft verkitscht (hier eine französische Grafik, um 1900 entstanden). Foto: pa/akg-images


Seit 37 Jahren ist Joachim Wanke Bischof, mehr als 30 Jahre waren die Schäfchen im Gebiet des heutigen Bistums Erfurt seiner Hirtensorge anvertraut. Doch so ganz behagt dem heute 76-Jährigen das Bild des Hirten nicht. „Es ist ein traditioneller Begriff mit großem biblischem Hintergrund, der uns aber existenziell nicht mehr so nah ist“, sagt er.

Bevor er über sein Verständnis des Bischofsamtes spricht, macht Wanke klar: „Das Evangelium vom guten Hirten ist erst einmal eine Christusoffenbarung.“ An sieben Stellen des Johannesevangeliums beschreibt Jesus sich selbst mit den Worten „Ich bin“ – der Weinstock, die Tür, die Auferstehung und das Leben. Jesus erklärt seinen Jüngern in diesen Bildern seine Sendung. „Es geht hier um die Hirtensorge Gottes, der uns den verheißenen Hirten schickt.“


Der Bischof muss den Glauben erschließen

Daher ist es fast schon ein bisschen anmaßend, das Bild dieses Hirten auf irdische Würdenträger zu übertragen. Im Gespräch ist spürbar, wie zurückhaltend und vorsichtig Bischof Wanke damit umgeht. „Ein demütiges Selbstbewusstsein“ ist für ihn Richtschnur seines Auftretens. Und da passen die negativen Deutungen nicht, die das Bild des Hirten eben auch weckt: Autorität, ja Macht schwingt mit. Ein Hirte treibt seine Schafe vielleicht abends in einen Stall, nimmt ihnen die Freiheit. Die Gläubigen werden zu Schafen. Genau darum geht es nicht.

„Nähren, wachen und Wunden verbinden“ sind die positiven Stichworte, die Bischof Wanke mit dem Bild des Hirten verbindet. Der Bischof muss immer wieder den Glauben erschließen, Christusnähe aufzeigen und die Sakramente spenden. So nährt er seine Gemeinde. Wachsamkeit heißt, „in den unterschiedlichen Zeiten immer eine gewisse Aufmerksamkeit für Fehlentwicklungen zu haben“, dafür zu sorgen, dass der Glaube nicht in einen Irrglauben abdriftet. Das letzte Stichwort beschreibt Wanke wiederum mit einem Bild, das Papst Franziskus geprägt hat: die Kirche als Feldlazarett, in dem die Verwundeten unserer Tage Heilung erfahren.

Nicht nur, aber auch in den Zeiten der sozialistischen Diktatur in der DDR waren diese drei Aufgaben prägend: Gegen eine totalitäre Ideologie musste der Glaube bewahrt und positiv vermittelt werden. „Der dialektische Materialismus war eine Kampfansage gegen den Glauben.“ Wachsam sein gegenüber solchen Angriffen, die Menschen mit einer zeitgemäßen und positiven Glaubenslehre nähren – nicht nur in der DDR-Zeit wichtige Hirtendienste. „Das ist in jeder Zeit, in jedem Kulturkreis wichtig. In der Gesellschaft der DDR, aber auch in der asiatischen Großstadt oder im afrikanischen Kulturkreis. Keine Zeit und keine Kultur ist da ausgenommen“, betont Wanke.

Auf kirchliche Würdenträger übertragen, kann das Bild vom guten Hirten ein kritischer Maßstab sein. „Ich gebe mein Leben hin für die Schafe“, sagt Jesus. Es geht um Hingabe, darum, sich selbst einzusetzen, nicht um Macht und Herr-
schaftsanspruch. „Der gute Hirte geht in die Dornen, um seine Tiere zu suchen“, sagt Wanke. Und: „Er trägt keine strahlende Krone, sondern Wundmale.“

Für Wanke ist ein anderes Bild prägender – auch für seinen bischöflichen Dienst: die Emmaus-Erzählung. Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs, er begleitet sie, legt ihnen die Schrift aus, hält Mahl mit ihnen, aber sie erkennen ihn lange Zeit nicht. „Er geht unsere Wege mit. Auf verborgene Weise ist er bei seinen Jüngern.“ Das will auch Wanke: die Menschen begleiten, mit ihnen unterwegs sein, die Fragen der Gläubigen teilen, ihre Hoffnungen, Freuden und Enttäuschungen.


Die biblischen Bilder haben ihre Grenzen

„Ich bin froh, dass ich mit einem Bibelstudium auf das Bischofsamt vorbereitet war“, sagt Wanke, der vor seiner Bischofsernennung Professor für Neues Testament war. In der Bibel fänden sich keine Anleitungen, wie man in einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort Bischof zu sein habe. Aber Kriterien und Verhaltensweisen, an denen man sich orientieren könne.

Wanke spricht viel in biblischen Bildern. Wie kommt man aber vom Bild zu einer konkreten Entscheidung? Ist es Gnade, diese Bilder so verstehen zu können, um sie für sich nutzbar zu machen? „Ja, wenn man es fromm ausdrücken möchte“, sagt Wanke, um sich dann zu korrigieren: „Es ist die Gabe der Wachsamkeit, zu sehen, welche Türen sich auftun.“ Doch Wanke warnt auch, die Bilder nicht zu überziehen, ihre Grenzen zu erkennen. Man kann eben nicht an einem einzigen Bild seinen Glauben festmachen. Der gute Hirte ist eine Facette. Der Gang nach Emmaus eine andere.

Von Ulrich Waschki