17.01.2018

Als Praktikantin in der Seelsorge des Jugendgefängnisses Neustrelitz

„Mit dir kann man reden!“

Für Menschen, mit denen kaum jemand zu tun haben will, ist sie ein kleiner Lichtblick. Antonia Ramme aus Waren hat im Frühjahr Abitur gemacht und arbeitet jetzt in der Seelsorge des Jugendgefängnisses Neustrelitz mit. 

Als Praktikantin in der Seelsorge des Jugendgefängnisses Neustrelitz
Antonia Ramme begleitet Franziskanerbruder Gabriel Zörnig in die Jugendanstalt Neustrelitz  Foto: Andreas Hüser

Zwischen Abitur und Studieren ein Praktikum? In einem ganz unbekannten Einsatzfeld mit Leuten, die man vorher nicht kannte? Das kann man jedem empfehlen. Antonia Ramme aus Waren aber hat sich einen ganz besonderen Praktikumsplatz ausgewählt. Nämlich ein Gefängnis. Seit September begleitet sie den katholischen Gefängnisseelsorger Bruder Gabriel Zörnig in der Jugendanstalt Neustrelitz. Sie spricht mit Gefangenen, bereitet mit Bruder Gabriel Gottesdienste vor, spielt Geige; manchmal gibt es auch Aktionen wie Fußballturnier oder Plätzchenbacken. 

„Man hat das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Dabei dachte ich vorher, mit Menschen arbeiten, so etwas kann ich gar nicht“, erzählt Antonia Ramme. Heute weiß sie: Ich kann es. Das bescheinigen ihr die jungen Männer, mit denen sie täglich zu tun hat. „Antonia, mit dir kann man reden“, hat einer gesagt. 

Nicht alle Insassen der Jugendanstalt sind Männer. Sogar junge Mütter mit Kindern verbringen hier ihr Haftstrafe. Trotzdem fällt eine 18-jährige junge Frau unter den Gefangenen auf. „Wenn man zum ersten Mal hier ist, kommt man in eine komplett andere Welt.“ 

Viele haben nie erfahren, dass sie geliebt werden

Die meisten kommen aus einem völlig anderen Milieu. Sie sind mit Alkolhol und Drogen aufgewachsen. Und viele kennen die Erfahrung gar nicht, von jemandem geliebt zu werden.“ Die Botschaft, mit denen die Gefängnisseelsorger antreten, ist für viele etwas ganz Neues. Es ist die Botschaft von der Liebe Gottes. Gott liebt alle Menschen, und vor allem die Sünder. Bei den Gesprächen geht es nicht immer um „Sünde“. „Wir dürfen als Seelsorger die Menschen nicht auf ihre Straftaten reduzieren. Wir müssen in jedem den Menschen sehen“, sagt der Franziskaner Bruder Gabriel. 

Das ist gar nicht so schwer, so die Erfahrung der Praktikantin. „Ich war überrascht, wie gut die Gefangenen sich benehmen und wie offen sie sind.“ Wenn sie ihren Freunden zu Hause über ihr Praktikum erzählt, rümpfen einige die Nase. Wie kannst du das machen? Das sind doch Verbrecher! 

Antonia Ramme hat inzwischen gelernt, dass Verbrecher auch Menschen sind. Wie kam es zu diesem Praktikum? Antonia Ramme und ihre Familie sind mit dem Franziskanerbruder Gabriel Zörnig befreundet. Sie wohnen in Waren, etwa eine Autostunde von Neustrelitz entfernt. Die Idee hörte sich ganz einfach an: „Komm doch einfach mal mit!“ Die Behörden hatten nichts dagegen, und so fuhr die Abiturientin „einfach mal mit“. Und weil sie merkte, dass ihre Anwesenheit den Menschen hinter verschlossenen Türen gut tut und ihr selbst auch, hat sie das „Praktikum“ bis heute nicht beendet. Immer noch ist sie mit Bruder Gabriel unterwegs, fährt eine Stunde von Waren nach Neustrelitz und eine weitere zurück, zumindest an einigen Tagen in der Woche. Allerdings: Irgendwann wird auch dieses Praktikum, das inzwischen fünf Monate dauert, zu Ende gehen. Antonia Ramme wird studieren. Ihr Berufswunsch ist es, Ärztin zu werden. Auch in diesem Beruf wird sie mit ganz unterschiedlichen Leuten zu tun haben und vor der Aufgabe stehen: in jedem, der kommt, den Menschen sehen! 

Text u. Foto: Andreas Hüser