01.08.2018

„Es sucht ja keiner mehr“

Noch heute sind die Grabstätten vieler Toter aus dem Weltkrieg unbekannt. Noch macht der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge solche Gräber ausfindig. Eine Mecklenburgerin hat so die Ruhestätte ihres Onkels gefunden. 

Theresia Geuting mit einem Familienfoto und dem letzten Brief ihres gefallenen Onkels
Theresia Geuting mit einem Familienfoto und dem letzten Brief ihres Onkels Anton.  Foto: Andreas Hüser

Wie lange ist der Krieg vorbei? 73 Jahre sind es laut Geschichtsbuch. So lange her, dass selbst die Großeltern von heute keinen Krieg, sondern nur Frieden erlebt haben. Für viele ältere Menschen aber ist der Krieg noch nicht vorbei. Sie trauern noch heute um Angehörige, Verwandte oder Freunde, die die Zeit des Schreckens nicht überlebt haben. 

Zu ihnen gehört auch Theresia Geuting (84). Sie lebt in Klein Welzin, einem Ortsteil der Gemeinde „Gottesgabe“ westlich von Schwerin. Theresia Geutings Vorfahren kommen aus dem Münsterland, sie gehörten zu den Siedlern, die in den Dreißiger Jahren eine neue Existenz in Mecklenburg aufbauten. Ihre Onkel Anton K. und Heinrich K. haben davon nicht viel erlebt. Die Zwillingsbrüder starben in den ersten Kriegsjahren, sie waren damals fast noch Jugendliche. Heinrich fiel mit 20 Jahren in Belgien, Anton ein Jahr später, am 13. August 1941 in Russland. 

Theresia Geuting liest oft den letzten Brief, den ihr Bruder Anton wenige Tage vor seinem Tod geschickt hat. Im Sommer 1941 glaubten die Deutschen noch an einen schnellen Sieg an der Ostfront, wie die feine, schöne Schrift des Frontsoldaten zeigt. Es herrschte keine Panik in der Truppe. Eher Dienst nach Vorschrift. In dem Brief beklagt Anton die Beschwerlichkeit seiner „Arbeit“ als Fahrradmelder und berichtet von einem verbogenen Fahrradlenker. Die Straßen sind holperige Wege, beim Treten stört ihn die schwere Waffe. Noch habe es keine Verluste gegeben in seiner Schwadron. Anton K. wusste nicht: Er würde einer der ersten Toten sein.  

„Wo er begraben ist, habe ich nie gewusst“

„Wir bekamen die Nachricht von seinem Tod, aber wo er begraben ist, das habe ich nie gewusst“, sagt Theresia Geuting. Kurz vor Weihnachten 2017 bekam sie Post. Absender: der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Liebe Frau Geuting, vorbehaltlich der noch ausstehenden amtlichen Bestätigung durch die Deutsche Dienststelle in Berlin freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu können, dass es dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. nach intensiven Bemühungen gelungen ist, das Grab Ihres Angehörigen aufzufinden.“ 

Anton liegt auf dem Soldatenfriedhof Schimsk, in der Nähe von Nowgorod am Ilmensee. Dort haben ihn Mitarbeiter des Volksbunds identifiziert und auf dem Grab umgebettet. 

Theresia Geuting hat den Suchantrag an den Volksbund vor einem Jahr gestellt. Denn so oft sie den Brief ihres Onkels gelesen hat, es ließ ihr keine Ruhe, seine letzte Ruhestätte nicht zu kennen. „Es sucht ja keiner mehr. Und bald ist keiner mehr da, der von ihm weiß.“ Die Nichte des Gefallenen wird das Grab ihres Onkels nicht mehr besuchen. Es sind 1 800 Kilometer von Schwerin nach Schimsk. Aber das Wissen, wo er liegt, tut gut. Nur ein Umstand trübt ihren Frieden ein wenig. „Ich finde, man hätte ihn auch nicht umbetten müssen, sondern sein Grab in Frieden lassen.“ 

So eine Auskunft, 73 Jahre nach Kriegsende, ist nicht selten. Im vergangenen Jahr hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bundesweit 44 527 Kriegstote neu erfasst und 27 000 Gefallene in würdige Grabstätten umgebettet. Erst seit 1990 stehen dem Verein viele Originalunterlagen des ehemaligen Heeresarchivs in Potsdam zur Verfügung. Und in der DDR gab es keine Möglichkeit, Auskunft über gefallene Angehörige zu bekommen. 

 Heute ist dasselbe unter anderem durch Mitgliederbeiträge und Spenden möglich. Der Volksbund-Landesverband Mecklen-
burg-Vorpommern hatte 2017 1 588 Mitglieder. Aber mit dem Rückgang der Kriegsgeneration werden es weniger. „Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist vermehrt darauf angewiesen, dass Mittel aus der öffentlichen Hand die Arbeit unterstützen. Spenden und Mitgliedsbeiträge alleine reichen nicht mehr aus“, sagt Karsten Richter, Landesgeschäftsführer des Volksbundes in Mecklenburg-Vorpommern. 

Text: Andreas Hüser, Bernd Loscher