02.01.2019

„Das ist unmöglich!“

Rumpelstielzchen kennt in Deutschland jeder. Anders geht es jungen Flüchtlingen, die eine Klasse in der Niels-Stensen-Schule bilden. Sie haben eine eigene Sicht auf das Grimm-Märchen. Auf der Bühne kann man das sehen.

Schüler der Niels-Stensen-Schule in Harburg führen Theaterstück zum Thema Fluchterfahrung auf
Ein deutsches Märchen und eigene Fluchterfahrungen. Schüler der Niels-Stensen-­Schule haben ein eigenes Theaterstück aufgeführt.  Foto: Susanne Petermann

Manchmal passt einfach alles zusammen für einen unerwarteten Gänsehaut-Moment. Und das halbstündige Schultheaterstück „Ach wie gut, dass niemand weiß“, eine moderne „Rumpelstilzchen“-Fassung, bot im Dezember zweimal in der voll besetzten Aula der Niels-Stensen-Schule in Schwerin gleich mehrere davon. 

Wenn „Königstochter“ Joudi authentisch „Du willst mein Kind?!?“ ruft, empfindet man ihr Entsetzen über den drohenden Verlust atemlos mit. 

Zuvor hat sie „Rumpelstilzchen“-Darsteller und Rapper Noor bereits ihren ganzen Besitz – Halsband und Ring – überlassen. Das Männchen sollte sie erneut aus der Klemme befreien, immer mehr Stroh zu Gold spinnen, um den gierigen Machthaber zufriedenzustellen. Sie kann nicht fliehen, ohne wiederum den Vater zu gefährden, der sie durch seine Notlüge in diese unmögliche Lage gebracht hat. Nun ist sie erpressbar ohne jeden Rückhalt.

Im Rap „Das ist unmöglich!“ tritt Noor aus der Handlung heraus und erinnert zu modernem Beat, was den geflüchteten Jugendlichen heute noch unmöglich scheint: „Ich war ein Kind im Krieg. Ich wollte fliehen mit dem Schlauchboot. Unmöglich! Dass die Menschen neue Leben kaufen. Unmöglich! Menschen sehen ihre Fehler, trotzdem tun sie es.“ Danach stellten sich die sechs Schauspieler aus der DaZ (Deutsch als Fremdsprache)-Klasse den Grundfragen des Grimmschen Märchens: „Darf man sein Kind weggeben, um sich selbst zu retten?“ – „Würdest du jemanden heiraten, der dich zuvor mit dem Tod bedroht hat?“ – „Der Vater spielt mit dem Leben seiner Tochter!“

Neben der Märchenhandlung gibt es weitere anrührende Kommentare. „Ich möchte nicht Saeed heißen, denn das heißt ‚der Glückliche‘, und das bin ich nicht“, während Rumpelstilzchens Name gesucht wird, oder „ich möchte nicht … heißen, weil er den Krieg verbreitet hat!“ Musikalisch begegnet der Zuschauer Mendelssohns Hochzeitsmarsch ebenso selbstverständlich wie dem live gesungenen arabischen Wiegenlied „Yallah Tnam“, sphärisch untermalenden Sounds oder Raps.

„Ich wollte fliehen mit dem Schlauchboot!“

Insgesamt eine zukunftsweisende Aufführung, die sich aktiv mit der Integration geflüchteter Schülerinnen und Schüler aus Syrien und Afghanistan befasst, und die brausenden Applaus bekam. Eine Grundschülerin danach: „Man konnte richtig sehen, dass ihr mit dem Herzen gespielt habt und auch Freude hattet.“ 

In der Auswertungsrunde stehen die Zehntklässler Joudi, Layan, Noor, Khaled, Saeed und Sajad mit Ihrer Lehrerin Kerstin Brinkmann persönlich Rede und Antwort zum Entstehungsprozess – Deutschlernen einmal anders. Schulleiterin Brigitta Bollesen-Brüning zum Hintergrund: „Schon 2015 reagierte die Niels-Stensen-Schule auf die Not von jungen Geflüchteten und die Anfragen der Ämter mit der Aufnahme einzelner Kinder und Jugendlicher, damit diese später in der Gesellschaft Fuß fassen können. Leider ist die Kapazität sehr begrenzt, und selbstverständlich fließt in solche Initiativen immer auch ein hoher Anteil von persönlichem Engagement über die Lehrertätigkeit hinaus.“

Unterstützung kam aus dem bischöflichen Flüchtlingsfond. „Alle übrigen Kosten übernahm das Kollegium der Niels-Stensen-Schule. Bistum, Schule und Caritas haben sich auf das Bes-te ergänzt“, sagt Brigitta Bollesen-Brüning. 

In der zehnten Klasse, zu der auch die Theatergruppe gehört, werden in diesem Schuljahr die geflüchteten Schülerinnen und Schüler in einer eigenen kleinen Abschlussklasse auf einen mittleren Schulabschluss und die Berufsreife vorbereitet. Dieses Projekt bietet Chancen und wirkt auch nach außen. Das Theaterstück „Ach wie gut, dass niemand weiß …“ haben die Schüler auch in einer Schweriner Kurzzeitpflege-Einrichtung aufgeführt. Und sie würden sich über weitere Einladungen freuen. Eine kleine Bühne, drei Pakete Mehl zum Jonglieren, sechs Stühle, einige Scheinwerfer, ein interessiertes Publikum, mehr ist nicht nötig.

Text u. Foto: Susanne Petermann